„Arisierung“: Raub im Prenzlauer Berg

Veröffentlicht am 20.11.2016 in Geschichte

Die Enteignung der jüdischen Bevölkerung im Prenzlauer Berg während des Dritten Reichs tauchte von 1989 bis zum Sommer 1990 wieder auf wie ein Geist aus der Vergangenheit. Es gab eine Vielzahl von verlassenen und sich selbst überlassenen Altbauten (1). Die von Nazis unter Gewalt „arisierten“ Häuser waren in der DDR in Volkseigentum übergegangen. Nach der Revolution von 1989 war die Eigentumsfrage unklar, der Einigungsvertrag sah für diesen Fall Rückgabe vor Entschädigung vor. Erst mit den Monaten nach der Vereinigung klärten sich die Eigentumsverhältnisse und die Häuser wurden wieder Bestandteil des lebendigen Prenzlauer Bergs. Enteignet wurden aber nicht nur Häuser, sondern auch Geschäfte. Wie tiefgehend dieser staatlich organisierte Raub ging, zeigt eine noch nicht mal vollständige Liste der „arisierten“ Geschäfte in Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee. Alleine in den Kiezen am Humannplatz und Helmholtzplatz zählt ein Projekt der Humboldt-Universität 32 enteignete Geschäfte (2). Eine Überblickskarte dazu finden Sie hier.

Die Geschichte des Hauses aus der Rykestraße 14 erklärt anschaulich, was „Arisierung“ konkret bedeuten konnte. Das Haus wurde 1934 an die Witwe Klara Kohlmey verkauft, die selbst in der Danziger Straße wohnte. Klara Kohlmey war Jüdin. Ihr verstorbener Mann war, soweit aus den Unterlagen ersichtlich, kein Jude- der gemeinsame Sohn Werner Kohlmey galt nach den Nürnberger Gesetzen als „vorläufiger Reichsdeutscher“.

Bereits seit 1933 wurden „Juden und jüdische Mischlinge“ aus dem Wirtschaftsleben gedrängt. Nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 verstärkte sich diese Form des Raubs. Die Enteignung findet nun systematischer statt. Formal meist als Verkauf inszeniert wurden unter Druck Spottpreise erzielt oder das Eigentum vom Staat enteignet. Frau Kohlmey versuchte, das Haus ihrem Sohn zu übertragen. Der Antrag darauf wurde abgelehnt, stattdessen wurde ihr Vermögen „zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“. (3)

Klara Kohlmey überlebte die Judenverfolgung im Dritten Reich. Sie starb 1954 in ihrer Wohnung in der Dimitroffstraße. Das Haus in der Rykestraße wurde seit 1948 von der Deutschen Treuhandstelle zur Verwaltung des polnischen und jüdischen Vermögens im Sowjetischen Besatzungssektor verwaltet. Warum das Haus nicht rückübertragen wurde, ist nicht klar. Entweder war der Behörde nicht bekannt, dass die alte Eigentümerin ein paar Straßen weiter wohnte – oder diese Tatsache wurde ignoriert.

Ganz ohne Widersprüche war die Rückgabe des geraubten Eigentums in der sowjetischen Besatzungszone und frühen DDR nicht. Am Anfang gab es ohne weiteres Bestrebungen, wenigstens die persönlichen Eigentumswerte zurückzugeben. Die Entwicklung verlief dann aber in eine andere Richtung. Die unter Zwangsverwaltung gestellten Betriebe wurden durch den Befehl Nr. 64 vom 17. April 1948 durch die sowjetische Militäradministration in Volkseigentum überführt. Die geraubten jüdischen Betriebe fielen unter die Zwangsverwaltung, weil sie als Nazi-Besitz sequestriert worden waren. Eine Übergabe von Volkseigentum an Privatpersonen oder Organisationen kam aber nicht mehr in Frage.

So kam es, dass nach 1989 wie Geister der Vergangenheit die sich selbst überlassenen Häuser auftauchten. Erst mit der Zeit konnten die Häuser wieder ihren ursprünglichen Besitzern rückübertragen werden oder eine Entschädigung wurde vereinbart. In der Rykestraße schlossen sich die Mieterinnen und Mieter zusammen und kauften ihr Haus als Mietergenossenschaft SelbstBau e.G.. Bis 1994 wurden in dem damals teils schon unbewohnbaren Haus preiswerte, familienfreundliche Wohnungen unter Beibehaltung der historischen Fassade geschaffen.

1. Dörfler, Thomas (2010): Gentrification in Prenzlauer Berg? : Milieuwandel eines Berliner Sozialraums seit 1989. Bielefeld : Transcript-Verlag, S. 215.

2. Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945, https://www2.hu-berlin.de/djgb/www/find, zuletzt abgerufen am 12.11.2016, 10:10 Uhr.

3. Hardebusch, Christof (1998): Das SelbstBau-Modell : eine Mietergenossenschaft in Prenzlauer Berg. Berlin : Links, S. 10.

Weitere Informationen:

Zunzer, Daniela (1997): Die Geschichte kommt als Gespenst zurück. Die „Arisierung“ des jüdischen Hausbesitzes am Helmholtzplatz. In: Kulturamt Prenzlauer Berg, Prenzlauer Berg Museum für Heimatgeschichte und Stadtkultur (Hrsg.): Leben mit der Erinnerung. Jüdische Geschichte im Prenzlauer Berg. Berlin, S. 316-332.

 

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