Niemand würde behaupten, Kinder und Jugendliche könnten in der Schule nur etwas über Kunst lernen, wenn es sich beim Kunstlehrer auch um einen Künstler handelt. Genau so wenig muss die Sportlehrerin Leistungssportlerin sein, um zu sportlicher Betätigung zu animieren. Der Französischlehrer muss nicht aus Frankreich kommen, die Politiklehrerin nicht aus der Politik. Warum sollte dann aber der Lehrer, der religiöse Inhalte nachvollziehbar und erlebbar vermitteln möchte, religiös sein müssen?
Dieses Argument der Kritiker des Pflichtfachs Ethik, in dem auch die Weltreligionen und ihre Botschaften behandelt werden, kann nicht überzeugen. Ebenso wenig ihr vehementes Eintreten für eine scheinbar verloren gegangene Wahlfreiheit, die jedoch nach wie vor besteht: Jede Schülerin und jeder Schüler kann weiterhin freiwillig christlichen, islamischen oder jüdischen Religionsunterricht besuchen. Und wer ernsthaft an der Vermittlung religiöser Inhalte durch Vertreter der Religionsgemeinschaften interessiert ist, tut dies auch. Die Teilnehmerzahlen am Religionsunterricht sind zumindest seit der Einführung der Pflichtfachs Ethik nicht eingebrochen.
Wenn Schülerinnen und Schüler den Religionsunterricht aber deshalb nicht besuchen, weil ihnen die Auseinandersetzung mit Werten und Normen, wie sie im Ethikunterricht geboten wird, genügt, dann mag dies für die Religionsgemeinschaften bedauernswert sein. Der Politik sollte dies jedoch keine Sorge bereiten. Die Politik muss sich nämlich in erster Linie darum bemühen, Kinder und Jugendliche – unabhängig von ethnischer Herkunft und religiöser Überzeugung des Elterhauses – zusammenzuführen und ihnen einen Raum zu schaffen, in dem sie gemeinsam etwas über die ethischen Grundlagen unserer Gesellschaft lernen und sich gemeinsam Möglichkeiten der Werte- und Handlungsorientierung erarbeiten.
■ Ethikunterricht ist keine Indoktrination
Kritiker des Pflichtfachs Ethik sehen in ihm die Gefahr staatlicher Indoktrination, doch wir reden hier nicht von der Verbreitung einer fanatischen Ideologie. Wir reden hier von der Auseinandersetzung mit Grund- und Menschenrechten, Toleranz, Formen der Konflikt-bewältigung und dem Einnehmen anderer Positionen und Sichtweisen. Wir reden von Orientierungshilfen bei der Beantwortung der Frage: „Was soll ich tun, damit ich im Einklang mit mir und mit meinen Mitmenschen ein gutes Leben führen kann?“. Dies hat nichts mit einem bestimmten Glauben zu tun, sondern mit praktischer Vernunft. Mit dem Fällen von Entscheidungen, die man vor sich selbst und vor anderen begründen muss und die mit Rücksicht auf die Interessen, Sorgen und Nöte aller Beteiligten getroffen werden.
Kinder und Jugendliche bei der Auseinandersetzung mit dieser Frage zu trennen, sie dabei vor eine Wahlpflicht zu stellen und einen Teil von ihnen an die Religionsgemeinschaften zu verweisen, kann nicht Ziel integrativer Politik sein. Vor allem hier in Berlin, dieser multikulturellen Stadt, kann dem niemand ernsthaft widersprechen. Denn im Schulunterricht sitzen nicht in erster Linie Anhänger unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Im Schulunterricht sitzen zuallererst Bürgerinnen und Bürger dieses Staates, Mitglieder dieser Gesellschaft, die Zukunft dieses Landes. Kinder und Jugendliche müssen daher darin befähigt werden, miteinander zu sprechen und sich zuzuhören, gemeinsam wichtige Fragen auszudiskutieren und sich gemeinsam im Handeln zu orientieren. Dies zu schaffen ist das Ziel weitsichtiger, integrativer Politik. Dies ist das Ziel des gemeinsamen Ethikunterrichts. Und deshalb gilt es auch, ihn in der jetzigen Form beizubehalten – für die Zukunft unserer Gesellschaft.
■ Kommentar: Manuel Vesely