„Als der Funke übersprang“: SPD Falkplatz-Arnimplatz ehrt Gründungsväter

Veröffentlicht am 15.02.2010 in Geschichte

Die SPD Falkplatz-Arnimplatz hat auf ihrer Mitgliederversammlung im Weißen Hirschen zwei ihrer Gründerväter aus der Zeit von 1989/1990 mit der Willy-Brandt-Medaille geehrt. Der Kreisvorsitzende Alexander Götz und der Abteilungsvorsitzende Markus Roick übergaben die Auszeichnung an Günter Wetzel und Wolfgang Marquardt, die beide die Abteilung über mehrere Jahre geführt haben. Kurt Blankenhagel, ein dritter Gründungsvater, war gesundheitlich verhindert. Er war Mitglied des Magistrats von Ostberlin und bis 1999 Abgeordneter von Berlin. Zugleich gedachte die Abteilung der verstorbenen Mitglieder wie dem langjährigen Vorsitzenden Gert Ach, ebenso zwischenzeitlich ausgetretenen Mitgliedern wie dem ehemaligen Bezirksbürgermeister Manfred Dennert.

Klarstellung: Kurt Blankenhagel hat die Verleihung der Willy-Brandt-Medaille mit folgender Begründung abgelehnt: "Ich möchte mich für die mit der Verleihung beabsichtigte Anerkennung meiner politischen Arbeit in der Wendezeit bedanken. Ich bitte aber um Euer Verständnis dafür, dass ich aus meiner Kenntnis der Arbeit der damals in der Abteilung und in den folgenden Jahren handelnden Genossinnen und Genossen, diese Medaille nicht annehmen kann. Ich bin überzeugt es gibt andere, die diese Anerkennung verdient haben. Die Hauptarbeit haben die Abteilungsvorsitzenden und Stellvertreter geleistet, mit der Unterstützung der vielen damals aktiven Genossinnen und Genossen. Sie waren mit großer Überzeugung dabei, sie waren es, die durch Ihre Arbeit in der SDP/SPD, die Abteilung aufbauten. Der leider schon verstorbene Gert Ach ist mir als Abteilungsvorsitzender besonders in Erinnerung geblieben. Natürlich habe ich auch mitgearbeitet, aber meine gesellschaftlichen Funktionen können und sollen mich da nicht herausheben. Meine Auszeichnung mit der Willy-Brandt-Medaille lehne ich deshalb ab."

Die große Geschichte

Die große Geschichte der Jahre 1989/90 kennt (fast) jeder. Die SDP wurde 1989 in Schwante gegründet und stellte, so Markus Meckel, der SED die Machtfrage: Es war die erste Parteigründung in der DDR. Die SDP bemühte sich, in sozialdemokratischer Tradition aber auch in Abgrenzung zur SPD zu stehen, deswegen auch die Namenswahl. Mit den Wahlkämpfen jedoch wuchsen die beiden Parteien mehr und mehr zusammen, besonders in der SPD Falkplatz-Arnimplatz halfen Abteilungen im Wedding über die Grenze hinweg mit. Im September folgte dann nach einem Prozess des Zusammenwachsens die Wiedervereinigung von SDP und SPD.

Die kleine Geschichte

Was aber an diesem Abend mehr interessierte war, wie dieser Funke dann übersprang, wie nach dem Gründungsaufruf in Schwante sich Sozialdemokratinnen und –demokraten hier im Gleimkiez und um den Arnimplatz zusammenfanden und wie damals Parteiarbeit aussah. Um in der Erinnerung die Kraft für die Zukunft zu finden. „Gerade in einer Abteilung wie unserer, in der viele Mitglieder zugezogen sind, ist es wichtig, diese Erinnerung lebendig zu halten, um die Identität der Abteilung zu bewahren.“, so Markus Roick.

Was alle drei Genossen vereint, ist die friedliche Revolution um 1989 und die Aufbauarbeit, die die drei und viele andere zur „Gründergeneration“ (Steffen Reiche) der SPD in Ostdeutschland macht. Ihre Wege zur SDP/SPD waren unterschiedlich und charakteristisch für die Zeit. Wolfgang Marquardt suchte nach der Maueröffnung den Kontakt zur SPD im Wedding und verteilte die Berliner Stimme, wurde dort SPD-Mitglied und dann über persönliche Kontakte in der Basisgruppe 12 aktiv. Kurt Blankenhagel hatte ab August 1989 herumtelefoniert, um Anschluss zu finden und kam dann schließlich Ende 1989 zur SDP. Günter stieß zeitgleich mit ihm zu der Basisgruppe 8, die von Manfred Dennert, später Bürgermeister im Prenzlauer Berg, gegründet worden war. In einer Zeit, in der Manfred noch seine Frau fragte, ob er das Wagnis eingehen sollte, in der SDP aktiv zu werden und als Familie die Nachteile dieser Entscheidung zu tragen.

Basisgruppen und Sprecher

Der Weg zur SPD führte damals nicht über die Abteilung, sondern die Basisgruppen. Die Basisgruppen bildeten sich damals ungezwungen, nicht nach Wohnort organisiert wie Abteilungen heute, sondern nach der Frage: wer kennt wen? Deshalb hatten die Sprecher meistens auch eine wichtige Rolle für den Zusammenhalt und die Identität der Gruppe. Wuchs dann eine Basisgruppe über 30 oder 40 Mitglieder hinaus, teilte sie sich, und bildete so zwei neue Basisgruppen. Einen Überblick zu behalten war schwer, und Mitglied war, wer bekannt war. Das war aber leichter als heute: von etwa 30 bis 40 aktiven Mitgliedern der Basisgruppe 8 seien 1989/90 gute 25 aktiv gewesen- auf so viele aktive kommt heute die Abteilung mit ganzen 140 Mitgliedern.

Vorbild Willy Brandt

Gemeinsam aber war den „Gründungsvätern“, dass mit der Zuspitzung der Situation in der DDR für sie klar war: ihr Weg führt in die SPD. Zwar war diese seit 1961 auch in Ost-Berlin verboten, aber doch strahlten Personen wie Willy Brandt über die Mauer hinaus und banden diese erste Generation der SDP an sozialdemokratische Ideen – trotz der Unterdrückung durch die SED. „Gerade deswegen freut es mich besonders, dass es eine Willy-Brandt-Medaille ist“, so Günter Wetzel.

Noch eine andere Art von Politik

In der Wendezeit wurde Politik noch anders erlebt als heute: alles war im Fluss, große Veränderungen schienen möglich. Deutlich wurde dies im persönlichen Gespräch: alle hatten das Gefühl, Anteil an etwas großem zu haben. Karrieren verliefen in der Zeit auch kaum „geplant“: Kurt Blankenhagel erzählte, wie er von Udo Eisner und A. Reiche auf der Wahlversammlung angesprochen wurde, ob er nicht zur Volkskammerwahl kandidieren wolle. Er wurde Kandidat, scheiterte aber knapp, wurde dafür im Mai 1990 in den Magistrat von Ostberlin als Stadtrat für Arbeit und Betriebe berufen. „Im Magistrat wurde ein Organisationsplan zerschnitten und die einzelnen Referate neu zugeordnet. Ich bekam einen Zettel mit aufgeklebten Referaten als neue Abteilung und machte mich erstmal auf die Suche nach einem freien Büro.“ erzählte Kurt Blankenhagel von der Konstituierung des Ostberliner Magistrats. Danach wechselte er ins Abgeordnetenhaus, dessen Mitglied er bis 1999 blieb.

Wehmut nach einer wirklich revolutionären Zeit

Bald mündete die friedliche Revolution in die Wiedervereinigung. Das Zusammenwachsen 1990 bedeutete aber auch, dass es mit der Gründerzeit und –stimmung im Prenzlauer Berg zu Ende ging. Im September 1990 vereinigten sich SDP und SPD und die Basisgruppen wurden zu Abteilungen, die Mitglieder nach dem Wohnortprinzip zugeteilt. Das bedeutete aber auch das Ende einer bestimmten Form von Politik - sehr unmittelbar und praktisch, auf Personen bezogen, und im Gefühl schnell vieles verändern zu können und Teil von etwas Großen zu sein. Das klang bei allen dreien immer wieder durch. Mit der Vereinigung von SDP und SPD endete diese Phase und Politik wurde formaler im Bohren sehr dicker Bretter, aber auch unpersönlicher als in der kurzen Revolutionszeit. Die Gründerzeit fand ihr Ende und wenn man den Schilderungen an dem Abend zuhörte, so kann man die Wehmut nachfühlen, die diesen Abschied begleitete.

Bericht: Markus Roick, Christian Wehrmann

 

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