Ein neuer Blickwinkel

Veröffentlicht am 10.11.2007 in Arbeit

Mindestlohn und Produktivlohn- das sind zwei Schlagwörter, die in der politischen Diskussion immer wieder auftauchen. Aber was steht hinter diesen Schlagworten? Dieser Frage ging die SPD Falkplatz-Arnimplatz auf ihrer Abteilungsversammlung im September nach. Dr. Rosenhahn referierte über die Frage, wie die Marxisten den Marxismus ruiniert haben – damit aber auch über die Frage, wie man den Marxismus besser verstehen könne.

Der Begriff der Produktivkraft

Der Kernpunkt des Vortrages war dabei eine scheinbare trockene und theoretische Frage: was ist unter Produktivkräften zu verstehen? Marx verstand ursprünglich darunter Arbeitsmittel, Gegenstände, Arbeit, Kapital, Technik. Sein Verständnis wandelte sich jedoch und 1867 nennt er im ersten Band des Kapitals drei Produktivkräfte: Arbeit, Arbeitsgegenstand, Arbeitsmittel, wobei die beiden letztgenannten Produktionsmittel sind. Dieses Verständnis von Produktivkräften wurde jedoch durch Stalin in seiner Schrift über dialektischen und historischen Materialismus verfälscht. Produktivkräfte werden hier definiert als Produktionsinstrumente und die Menschen, die diese in Bewegung setzen. Verschlimmert wurde dieser Fehler noch durch die Fußnote, dass Marx unter Produktivkräften vor allem die Menschen verstanden hat.

Konsequenzen eines falschen Begriffsverständnisses

Diese Fehlinterpretation von Stalin wurde nach seinem Tod zwar abgemildert und Produktionsinstrumente durch Produktionsmittel ersetzt – der Grundfehler aber blieb: der Arbeitsgegenstand blieb aus der Definition ausgeschlossen und Marx war nach 1867 über die sehr enge Definition von Produktivkraft hinausgegangen. Die Konsequenz war, so Dr. Rosenhahn, die scharfe Gegenüberstellung von Kapital und Arbeit. Nach der Vorstellung von Marx, so Rosenhahn weiter, wäre es möglich gewesen, Arbeiter und Kapitalist in einer Person zusammenzuführen und so eine sozialistische Produktionsweise zu schaffen. Als Beispiel führte er die Versuche im ehemaligen Jugoslawien an, wo eben die Verfügung über die Produktionsmittel den Arbeitern übertragen wurde. Aktuellere Beispiele finden sich aber auch: in Großbritannien beispielsweise haben Kumpel ihr Bergwerk von den Abfindungen gekauft, die sie bei dessen Schließung erhielten- und erfolgreich weiterbetrieben.

Theorie und Praxis: Produktivlohn

Die Frage, ob er aus dieser Sicht Produktivlohn wie zum Beispiel von der SPD vorgeschlagen befürworten würde, bejahte Dr. Rosenhahn eindeutig – wenn der Produktivlohn am produzierten Gewinn gekoppelt sei. In der Diskussion wurde jedoch auch Kritik geäußert: die Gefahr der Selbstausbeutung nehme dann zu, ebenso könnten Arbeitnehmer nicht streiken, ohne sich selbst zu schaden- was bei den vorliegenden Produktivlohnmodellen eine deutliche Gefahr darstellt. Konsens war, dass der Gedanke des Produktivlohnes deswegen interessant sei, die Umsetzung aber, bei der Arbeiter und Kapitalist zu einer Person werden, problematisch. Allgemein positiv wurden jedoch die Verhältnisse in Schweden beurteilt: dort seien ArbeitnehmerInnen stärker an den Gewinnen beteiligt seien und geschlossene Wirtschaftskreisläufe stärken die Wirtschaftskraft.

Mangel an Theorie

Die Abteilungsversammlung war eine außergewöhnliche. Selten kommt man auf die Ebene, Politik vor einem theoretischen Hintergrund zu diskutieren. Dies ist aber gelungen und war spannend zugleich – im Wesentlichen ein Ergebnis des couragierten Vortrags von Dr. Rosenhahn. Wie wichtig und konkret aber Theorie ist, zeigte sich in der Diskussion am Ende. Eine Teilnehmerin erklärte, dass neoliberales Gedankengut den Arbeitslosen Schuldgefühle vermittle. Das „jeder ist seines Glückes Schmied“ des Neoliberalismus bedeutet, wenn man arbeitslos ist, direkt das Gefühl: „Du hast es nicht geschafft, du bist selbst schuld“. Nach dem Vortrag aber kann sie die Dinge jetzt anders sehen. Das war das Wichtige an dieser außergewöhnlichen Veranstaltung: zu lernen, politische "Realitäten" mal anders sehen zu können.

Bericht: Markus Roick

 

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