Erinnerungen an den Mauerfall

Veröffentlicht am 08.11.2007 in Geschichte

Die Böse-Brücke, wo die Mauer zuerst fiel

An diesen Tag erinnert sich jeder- und was er damals tat, empfand. Der 9.11.1989 ist mehr noch als der „offizielle“ Tag der deutschen Einheit im Gedächtnis der Menschen geblieben. Anlässlich des Jubiläums erinnerten sich drei Genossinnen und Genossen des SPD Nordost, aus West wie Ost, an „ihren“ 9.11. Was ihre Erzählungen verbindet, das war die Ungläubigkeit, die Zeit, bis die Realität die Wahrnehmung wieder einholte – und die Freude als realisiert wurde, was geschehen war.

Thorsten Hilse: Das politische Wunder verschlafen

Um der Langeweile des DDR-Alltags zu entfliehen, begann ich im September 1989 noch einmal mit einem Studium in Leipzig. Allerdings stand mir im Herbst 1989 in Leipzig nur noch begrenzt der Sinn nach Studium. Der Montagabend gehörte der Straße, jeder Abend dem Werben um Unterstützung der noch jungen SDP. An diesem denkwürdigen Abend nun, dem 9. November, sah ich bei einem Freunde gegen jede Gewohnheit die Aktuelle Kamera. Auf die generelle Reisefreiheit, die zunächst in einer Pressekonferenz verkündet wurde, folgte eine Nachfrage und auf diese die irritierte Antwort Günther Schabowskis „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“
Wir glaubten, es sei ein Versprecher gewesen. Aber wir wussten auch, dass in diesen Tagen hinter einer solchen Aussage nicht mehr zurückgegangen werden konnte.
Was wir nicht wussten war, dass die Berliner diesen Versprecher zum Anlass nahmen, noch in der gleichen Nacht die Mauer zu überrennen. Ohne noch einmal den Fernseher eingeschaltet zu haben, legte ich mich nach einigen Stunden schlafen.. Am nächsten Morgen wurde ich mit den Nachrichten geweckt „….seit gestern Abend existiert die Innerdeutsche Grenze nicht mehr“. Es mag oft nur eine Redewendung sein, aber ich dachte wirklich, dass ich träumte. Die Freude über dieses Wunder war so groß, dass ich noch viele Male annahm, ich müsste träumen. An diesem Morgen aber, am 10. November 1989 brach ich so schnell ich nur konnte nach Berlin auf mischte mich unter das glücklichste Volk der Welt.

Lioba Zürn-Kasztantowicz: Friedlich ins Bett gegangen

9. November 1989, unauffälliger Tag. Ich bin mit meinen beiden kleinen Töchtern, ein und drei Jahre alt, bei meinen Eltern in Stuttgart zu Besuch. Etwas fiebrig, ein kleiner Infekt, kurz: Ich liege flach. Um Viertel nach acht am Abend ruft mein Mann aus Berlin an. „Ist ja ziemlich komisch alles“, sagt er, „in den Nachrichten kam, dass Schabowski gesagt hat, die Mauer sei offen. Ich bin deshalb mal kurz auf dem Heimweg beim Checkpoint Charlie vorbeigefahren. Da war aber nichts. Nur der Herr von Lojewski (damaliger Intendant des SFB) rannte dort herum und quatschte alle an Leute an, dass die Mauer offen sei. Aber er kam damit auch nicht so recht an.“
An dem Abend des 9. November sind wir alle ganz friedlich ins Bett gegangen und als wir aufwachten, war nichts mehr wie vorher. Ich bin – Fieber hin oder her – sofort ins Reisebüro gerannt, um einen Flug nach Berlin zu kriegen. Der erste Flug bei dem es noch Plätze gab, war erst am Sonntag! Als wir aus dem Flughafen Tegel kamen, war da erst mal nur staunen, schauen, nicht begreifen.
Für uns, meinen Mann und mich und die ganze Familie, tat sich eine neue Welt auf. In den folgenden Wochen und Monaten haben wir an jedem Wochenende unsere Kinder ins Auto gepackt und haben uns langsam vorgetastet: Durch Berlin, durch die Umgebung, immer weiter Kreise ziehend. Irgendwann im Sommer danach sind wir dann bis an die Ostsee gekommen. All die Bedenken, die manche unserer Westfreunde hatten, die sich noch Jahre später nicht über die „Grenze“ trauten, das war nicht unser Ding, wir wollten alles sehen, fühlen, kennen lernen und erkunden! Für mich persönlich und für unsere ganze Familie ist der 9.11. ein absoluter Freudentag, auch heute noch im Jahre 18 danach.

Max E. Neumann: „Wenn’s stimmt“

Am frühen Abend des 9. November hörte ich von einer neuen Reiseregelung für DDR-Bürger im Radio. In meiner Erinnerung war das im SFB so sachlich dargestellt, die mich das Kommende in jener Nacht nicht vorausahnen ließ. Eine Lockerung der Reiseregelungen war ja allgemein erwartet worden, ich rechnete selbst mit irgendeiner halben Lösung und In dieser Annahme legte ich mich frühzeitig schlafen. Nachts gegen elf klingelte bei mir: meine Mutter. Aufgeregt erzählte sie ihrem nächst greifbaren Sohn, dass die Grenze offen ist und alle zur Mauer gehen. Wir wollten gleich, „wenn’s stimmt“, nach Charlottenburg fahren. Auf ging’s zur Bornholmer Brücke. Lange vor Sichtweite des Kontrollpunkts schon in einer dichten Menschenmenge wie in einem Demonstrationszug. Ich passierte wie in Trance die Systemgrenze gegen Mitternacht. Zügig, auf Weddinger Seite waren zu dem Zeitpunkt noch nicht so viele da. Wir nahmen den nächsten Bus und fuhren dann zum Breitscheidplatz. Als wir dort ankamen, beschlossen wir spontan, eine Bekannte in der Pestalozzistraße zu besuchen. Wir trafen sie nicht an, aber ihre Nachbarn, ein Lehrerehepaar, hatten es nun auch schon gehört und luden uns herzlich ein. Greifbar war ein Sekt, Käsehäppchen schnell gemacht, und wir hatten eine anregende Unterhaltung bis in den frühen Morgen. Als es zurückging, kam uns ein immer noch ungebrochener Menschenstrom entgegen, nun viele im Blaumann oder Maurerkittel. Ich erinnere mich an das Gespräch zweier Damen hinter mir im Bus, Angestellte auf dem Weg zur Arbeit, mokierten sie sich nämlich darüber: „Wir müssen arbeiten, und die kommen feiern“.

Bericht: Markus Roick

 

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